Ihr Kinderlein kommet

Ich gebe zu: Ich selbst habe mit der Kirche nicht mehr viel am Hut – und vieles, was in den letzten Jahren geschehen ist, bestärkt mich darin, dass ich das auch nicht mehr ändern möchte. Dass es aber anderen anders geht, ist mir bewusst und das ist ja auch völlig in Ordnung. Vielleicht ist es der Glaube, der hilft, Zeiten wie diese zu überstehen, vielleicht ist es die Tradition, denn gerade im Sauerland wurde man doch oft sehr selbstverständlich religiös erzogen und schon im Kindergarten waren viele Erlebnisse mit der Kirche verbunden: der St.-Martinszug, das Erntedankfest, Dreikönigssingen, das Krippenspiel sowieso. Wahrscheinlich ist es eine gute Mischung aus beidem, Glaube und liebgewonnener Tradition, die die Kirche im Sauerland immer noch so präsent sein lässt. Aus erwachsener Perspektive und mit all diesen Erinnerungen – guten wie schlechten –, die nun eine gefühlte Ewigkeit zurückliegen, wirkt die Kirche auf mich inzwischen aber doch eher verstaubt.

Ich frage mich, ob das in der Stadt anders ist? Haben Menschen, denen die Kirche am Herzen liegt, Sorge, dass sie, wenn sie zurück ins Sauerland gehen wollen, wieder ein Jahrhundert zurückfallen, in dem sie nicht mehr sein wollen? Dass im ländlichen Raum, der ja doch noch immer stark mit Religiosität verbunden wird, alles zu strikt ist, ein zu enges Weltbild vertreten wird, dass man nicht mithalten kann mit dieser „Dorfreligion“?

Christopher ist Referent für Jugend und Familie in Meschede, Bestwig, Eslohe und Schmallenberg. Er ist quasi der Vermittler zwischen der Paderborner Bistumsleitung und den Gemeinden im Sauerland. Eigentlich ist er Sozialarbeiter – ungewöhnlich für seinen Job, den in der Regel Priester und Gemeindereferenten und  -referentinnen machen. Aber es scheint mir, dass so jemand wie Christopher hier genau richtig ist. Denn, wenn die Kirche lebendig im 21. Jahrhundert ankommen soll, dann braucht es Menschen, die neue Ideen mitbringen und die Kirche von innen verändern.

Und ja, er bestätigt mir, dass es diese verstaubte Kirche immer noch gibt. Aber es sind nur noch einige dunkle Ecken, in denen die Staubschicht noch besonders dick ist und wohl auch noch einige Jahre hartnäckig liegen bleiben wird. Dass aber Kirche inzwischen viel mehr ist als Weihwasser und Rosenkranz, wird immer deutlicher, je länger ich mit ihm spreche.

Schließlich ist die Kirche einfach ein Teil der Gesellschaft, auch und vor allem vielleicht im Sauerland. Und wenn man das Leben im Sauerland gestalten will, bedeutet das wohl eben irgendwie auch, die Kirche zu gestalten. Und mir wird klar, dass sich tatsächlich einiges getan hat, seitdem ich mein Kirchenbild manifestiert habe – und dass sich vor allem noch ziemlich viel tut.

Denn Kirche, das sind für Christopher nicht nur die Leute, die dort auf den unbequemen Bänken kniend das fünfte Ave Maria beten. Für ihn sind das die Jugendgruppen, die mit Fridays for Future unterwegs sind, die Pfadfinder, die Suppenküche, die Kleiderkammer oder Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderung begleitet werden. Es sind vor allem die vielen Ehrenamtlichen, die nicht mehr nur hilfsbereite Seniorinnen sind, die genügend Zeit haben und Beschäftigung suchen, sondern auch viele junge Menschen, die Lust haben, anzupacken und die Welt ein kleines Stück schöner und damit einfach besser zu machen.

Kirche findet nicht mehr im Pfarrheim statt, wo man erst einmal die Heizung andrehen muss und es doch nicht so recht gemütlich werden will. Stattdessen erzählt Christopher mir vom Café Pan in Meschede. Ein Café, das zu dem Zweck entstanden ist, einen Raum zu schaffen, in dem jeder das machen kann, was er möchte. Einen Handlettering-Workshop zum Beispiel. Nicht unbedingt das, was einem in Verbindung mit Kirche einfällt. Aber genau solche Dinge werden dort von Ehrenamtlichen mit Unterstützung von Hauptamtlichen der Kirche angeboten.

Und auch in Hinsicht auf die Gottesdienste verändert sich etwas in der Kirche. Auch ich kenne das aus meinem Bekanntenkreis: Sobald es ans Heiraten geht, tritt die Kirche plötzlich wieder auf den Schirm. Denn eine Hochzeit in weiß in einer schönen Kirche kann man sich auf einmal doch vorstellen, obwohl man sonst nie in die Kirche geht. Und das ist heute völlig in Ordnung, sagt Christopher. Allerdings war das nicht immer so. Wieso aber sollte sich die Kirche auch beleidigt abwenden, wenn ein Paar seine Beziehung segnen lassen möchte? Dafür gibt es einfach keinen Grund. Außer anscheinend bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Da spalten sich in der Kirche die Geister – natürlich auch in den doch oft eher konservativen ländlichen Gegenden. Aber nicht nur hier in Köln, sondern auch im Sauerland habe ich in letzter Zeit an der ein oder anderen Kirche die regenbogenfarbenen Flaggen der LGBT-Gemeinde flattern sehen. Der breite Konsens ist zum Glück in der Jetztzeit angekommen und hat kein Problem damit – lieben und lieben lassen. Aber wie das häufig so ist, schreien die mit der Minderheitsmeinung eben am lautesten, sodass nach außen hin der Eindruck entsteht, dass sich in der Kirche immer noch alle krampfhaft an diese vorgestrige Überzeugung krallen.

Und das kann Menschen, die zurück aufs Land wollen natürlich auch Angst machen. Auch Christopher weiß das – und er weiß auch, dass es immer eine besonders konservative Gruppe geben wird. Auch dann noch, wenn die Kirche in zehn Jahren grundlegend anders aussehen wird, wenn es keine Priester mehr gibt und die Kirche hauptsächlich von Ehrenamtlichen, von der Gesellschaft getragen wird. Denn die Ideologie der Kirche verändert sich gerade extrem, stellt Christopher fest. Und das ist auch gut so, finde ich und kann mir vorstellen, dass es für viele, die sich noch nicht so weit von der Kirche entfernt haben, zur Attraktivität von eben jener beitragen wird.

Aber schließlich kann man sich ja aussuchen, mit welchen Leuten man sich umgibt – ob man lieber mit denen Zeit verbringen möchte, die jeden Sonntag voller Überzeugung in den Gottesdienst marschieren oder eben mit denen, die sich im Café Pan treffen. Diese Begegnungsräume sind wichtig, um zusammenzufinden und die Leute zu finden, an denen man sich orientieren will, die einem guttun. Das ist das, was Christopher auch allen empfiehlt – und da darf und soll es auch beide Arten von Gläubigen geben.

Die Kirche ist gerade in einer Umbruchsituation. Das höre ich ganz deutlich heraus. Christopher findet es teilweise traurig, weil Vieles zu Ende geht, aber vor allem findet er es auch schön, weil so viel Neues entsteht. Und dafür braucht es Leute, die mit anpacken. Ich denke mir, wenn jemand der Kirche zugetan ist und weiterhin möchte, dass sie bestehen bleibt, der sollte keine Sorge haben, dass er den Ansprüchen von wem auch immer vielleicht nicht genügen kann oder das Gefühl haben, sich in Strukturen fügen zu müssen, in denen er oder sie sich nicht wohlfühlt, sondern aktiv werden, sich in die Gemeinschaft einbringen und eine moderne Kirche ohne Zwänge und mit einem offenen Weltbild mitgestalten – und damit auch seine Heimat zu einem noch schöneren Ort zu machen.

Christopher fasst am Ende unseres Gesprächs gut zusammen, was vielleicht auch anderen Gläubigen Mut machen kann, die Kirche so zu gestalten, dass sie gerne Teil von ihr sind: „Ich kann das System nur von innen verändern. Für mich war es deswegen eine bewusste Entscheidung, der Kirche nicht den Rücken zu kehren – kann aber auch verstehen, wenn Menschen das tun. Aber wenn ich an das Thema Nächstenliebe denke, auch an die Rituale wie Hochzeit oder Beerdigung, dann denke ich, dass die Kirche einfach gute Angebote hat, für die es sich zu kämpfen lohnt. Ich möchte nicht, dass nur die ewig Gestrigen die katholische Kirche prägen, sondern darum ringen, dass sich die Kirche auch an den Bedürfnissen der Menschen entwickelt.“

Amen.

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