Manege frei für’s Sauerland

Wer die weite, flache Landschaft des Niederrheins gewohnt ist, für den fühlt sich das Sauerland erst einmal wie eine völlig neue Kulisse an. Melinda war bei ihren ersten Besuchen überrascht, wie viel Auf und Ab die Region zu bieten hat – selbst wenn die Einheimischen die hiesigen Berge bescheiden als „Hügel“ abtun. Inzwischen hat sich Melinda an die bergige Umgebung gewöhnt und hier ihre eigene Bühne gefunden. Unter ihrem Künstlernamen Jolinda Sonnenschein leitet sie als Zirkusdirektorin von Arnsberg aus eine Zirkus- und Eventmanufaktur. Dass die Region einmal ihr fester Lebensmittelpunkt werden würde, stand allerdings auf keinem Tourneeplan.

Aufgewachsen ist Melinda in Tönisvorst am Niederrhein, ganz nah an der niederländischen Grenze. Sie stammt aus einer großen, bunten Familie mit insgesamt sieben Geschwistern, vier von ihnen wurden von ihren Eltern aus Brasilien adoptiert. Das südamerikanische Land spielte deshalb schon früh eine Rolle in ihrem Leben. Nach der Schulzeit zog es sie für ein Sport- und Eventmanagement-Studium zuerst nach Iserlohn.

Doch Melinda wollte internationaler arbeiten. Sie wechselte an eine Hochschule im niederländischen Breda, um dort Freizeitmanagement auf Englisch zu studieren. Während ihres integrierten Auslandsaufenthalts in Brasilien verbrachte sie schließlich sechs Monate in einer dortigen Zirkusschule. Hier erlebte sie hautnah, wie Menschen unterschiedlichsten Alters über Bewegung, Kreativität und gemeinsames Ausprobieren zusammenfinden. Ein Zusammenspiel, das sie so faszinierte, dass sie den Zirkus zu ihrem Beruf machte.

Zurück in Europa beendete sie ihr Studium in den Niederlanden und zog für ihren Master an der FH nach Bochum. Schon während dieser Zeit reiste sie als Zirkustrainerin wochenweise für Projektwochen durch ganz Deutschland. Dabei knüpfte sie auch die ersten Kontakte zum Zirkus pompitz, dessen Eigentümerin und Geschäftsführerin sie heute ist. Damals lag das Büro des Unternehmens noch in Unna, während das Lager und der Firmensitz sich bereits im sauerländischen Ense befanden. Bochum war für Melinda in dieser Zeit die perfekte logistische Brücke.

Der richtige, dauerhafte Umzug ins Sauerland kam schließlich mit der Corona-Pandemie im Jahr 2020. Um Büro und Lager an einem festen Standort zu bündeln, verlagerte das Unternehmen seine Strukturen komplett in die Region. Für Melinda bedeutete das den Schritt in ein neues Lebenskapitel. Was zunächst berufliche Gründe hatte, entwickelte sich schnell zu einer echten Verbundenheit mit der Region und ihren Menschen.

Wenn man vom platten Niederrhein kommt, nimmt man die hiesige Natur einfach ganz anders wahr. Wo Melinda früher ans Meer fahren musste, um Weite zu spüren, findet sie heute in den Wäldern und Tälern des Sauerlands ein echtes Gefühl von Freiheit. Mindestens genauso spannend fand sie aber die Menschen. Sie stellte schnell fest, dass die Dorfgemeinschaften hier im Sauerland ähnlich funktionieren wie ein gutes Zirkusteam. Jedes Dorf ist eine Welt für sich und von außen wirkt das Vereins- und Dorfleben anfangs vielleicht ungewohnt. Doch wer erst einmal Teil dieser Welt wird, merkt schnell, wie eng die Netzwerke gestrickt sind. Genau wie in der Manege verlässt man sich hier blind aufeinander und unterstützt sich völlig selbstverständlich gegenseitig.

Diese Erfahrung prägt auch ihren Berufsalltag. Melinda ist mit ihren Projekten in der gesamten Region unterwegs – vom Kindergarten bis ins Seniorenheim. Sie spürt, dass gerade Unternehmen bei Jubiläen und Festen immer größeren Wert auf echte Familienfreundlichkeit legen. Wenn Eltern und Kinder im Zirkus gemeinsam aktiv werden, schweißt das die Menschen noch enger zusammen.

Wenn sie in Arnsberg einkaufen geht oder ein Fest besucht, trifft sie regelmäßig auf bekannte Gesichter. Ein kurzes Winken, ihr Name oder ein begeistertes „Du warst doch bei uns!“ sind die Momente, in denen sie merkt, wie nachhaltig die Zirkusprojekte wirken. Inzwischen hat Melinda hier gemeinsam mit ihrem Partner ein Haus gekauft, ihr Unternehmen weiterentwickelt und sich ein Zuhause aufgebaut und Schritt für Schritt ist das Sauerland Heimat geworden.