#Bäuerinnenlife

Hühner füttern, Kühe melken, Stall ausmisten, Zäune bauen und Trecker fahren. Wahrscheinlich hast du jetzt einen mittelalten Mann in grüner Latzhose, kariertem Hemd und gelben Gummistiefeln vor Augen? Das typische Sauerländer Bauer-Klischee eben, das sich hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen hält. Und ja, vielleicht stimmt es auch hier und da. Aber es geht eben auch anders. Das beweist Marie vom Tiggeshof jeden Tag auf ihrem Instagram-Account. „Der tägliche Wahnsinn auf einem Biohof“ steht dort in ihrer Biografie. Fotos und Videos zeigen das Leben und Arbeiten einer jungen, modernen Frau in der Landwirtschaft, die anpackt. Sie zeichnet ein Bild vom „Bauer-sein“, das so ganz anders ist.

Aber von vorne: Aufwachsen auf dem Land auf einem Bauernhof … Ein Traum, oder? Wie Bullerbü stellt man sich das vor. Nur … sind wir mal ehrlich – je älter man wird, desto mehr verliert das Leben auf einem Hof, auf dem man nicht nur wohnt, sondern auch jeden Morgen in aller Frühe (und ich meine wirklich früh!) aufstehen muss, um im Stall zu helfen, seine Romantik. Vor allem dann, wenn man langsam beginnt, erwachsen zu werden (oder das zumindest glaubt), dann sehnt man sich danach, einmal über die noch so schönen Felder des eigenen Hofes hinauszuschauen, Neues kennenzulernen und Abenteuer zu erleben. Den heimatlichen Hof verlassen, wie Bilbo einst das Auenland. Marie jedenfalls ging es nach dem Abitur so. Es ging nach Köln. Sechs Semester Soziale Arbeit an der Fachhochschule. Das reichte Marie jedoch nicht. Sie nutzte die Zeit und sparte endlich genug Geld für ihren langgehegten Wunsch, ins Ausland zu gehen. Sechs Monate sollten es werden. Indonesien, Neuseeland und Australien. Daraus wurden zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen sie in großen Städten wie Sydney oder Brisbane lebte. Zwei Jahre, in denen sie irgendwann dann doch merkte, wie sehr sie im Herzen doch Dorfkind ist. Während der Arbeit auf einer Pferderanch begriff sie, dass ihr Platz auf einem Hof zwischen Tieren und Feldern ist. Und so ging es, zurück in Deutschland, nicht wie angedacht, wieder in die Großstadt, nach Köln, sondern auf den heimischen Hof.

Mit Vorurteilen hatte sie nicht zu kämpfen. Aber sie weiß, dass das vielleicht anders gewesen wäre, wenn sie sich schon früher für diesen Weg entschieden hätte. Denn Landwirtschaft hat, in einer Zeit, in der jeder junge Mensch irgendetwas mit Medien machen will, einfach keinen besonders guten Ruf. Dabei betrifft die Landwirtschaft doch jeden. Und das zeigt Marie auf ihrem Instagram-Kanal und wenn gerade keine Pandemie das Leben bestimmt auch direkt auf ihrem Erlebnisbauernhof.

Marie erzählt mir, dass es tausend und eine Möglichkeit gibt, in der Landwirtschaft zu arbeiten. Man kann sich entfalten, Sachen machen, die einem wirklich Spaß machen. Aber damit gehen halt auch Risiken einher und Marie weiß auch, dass diese, vor allem die finanzielle Seite davon, viele Menschen abschreckt. Dabei braucht es gerade jetzt junge Köpfe mit frischen Ideen, junge Leute, die um die Ecke denken können und dazu beitragen, dass die Landwirtschaft zum einen wieder lukrativer und zum andern auch wieder spannender wird.

Marie jedenfalls liebt ihre Arbeit. Dabei sind es nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen, für die sie letztlich ja die Arbeit macht. Regionale Produkte direkt an den Verbraucher zu bringen und die Milch nicht einfach in einer Molkerei abzuliefern, die Produktion von Lebensmitteln, so etwas Ursprüngliches und Essentielles. Wenn sie die Produkte direkt an die Endverbraucher liefern kann, dann merkt sie, wie dankbar die dafür sind. Dankbar für gute, regional erzeugte Produkte, die sie ohne schlechtes Gewissen kaufen können, weil sie – anders als im Supermarkt – wissen, wo sie herkommen und wie sie produziert werden. Wenn man direkt vom Hof kauft, ist das ein anderes Gefühl. Und das ist etwas, was man in der Stadt eben nicht hat. Im Sauerland findet sich an jeder Ecke irgendein Hof, dessen Produkte man vor Ort kaufen kann. Wo man auch mal hinter die Kulissen schauen darf und sieht, wo das herkommt, was man konsumiert.

Es erfordert viel Mut, sich das zu trauen, das weiß Marie, aber wenn man das dann macht, dann bekommt man so viel zurück. Gerade jetzt, wo alles blüht oder im Herbst, wenn sich alles bunt färbt. Wenn andere im Büro sitzen und sehnsüchtig aus dem Fenster schauen, dann ist Marie mittendrin und kann die Natur in vollen Zügen genießen. Das ist es, was sie so sehr liebt und sie weiß, dass es vielen anderen Landwirten und Landwirtinnen auch so geht.

Für Marie ist das Sauerland wie ein Nest, gemütlich, vertraut, entschleunigend. Sie ist überzeugt davon, dass ihre Rückkehr genau das Richtige war. Sie braucht es draußen zu sein, bis die Sonne abends untergeht, diese Freiheit, die sie hier spürt, die Natur, sobald man einen Fuß vor die Tür setzt.

Ich hoffe, dass Marie es schafft, mit ihrem Instagram-Account und ihrer Leidenschaft das Klischee des Sauerländer Bauern aufzubrechen. Dass sie es schafft, dass sich mehr junge Leute trauen, in die Landwirtschaft zu gehen. Dass der ein oder andere merkt, dass es manchmal Berufe sind, die nicht jeder auf dem Schirm hat, die nicht nur Beruf, sondern sogar Berufung sein könnten – gerade so etwas wie die Landwirtschaft, von der wir doch alle abhängig sind.

Und wenn das nichts für einen ist, dann schafft man es durch Marie vielleicht wenigstens etwas besser, über Traktorenlärm und Güllegeruch hinwegzusehen und die Arbeit der Landwirtinnen und Landwirte mehr zu schätzen. Denn was wären wir ohne sie?

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