Wurzeln schlagen

AUTORIN: sONJA nÜRNBERGER

Unsere Welt wird immer vernetzter, reisen ist leicht – außerhalb einer Pandemie – und mit dem richtigen Pass kannst du mal hier und mal dort wohnen. Aber fehlt nicht etwas, wenn man niemals Zeit hat, Wurzeln zu schlagen? Wenn es keinen Ort gibt, den man Heimat nennen kann, einen Ort, der ein sicherer Rückzugsort sein kann?

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Sven aus Meschede fortgegangen ist. Die Überlegung, im Sauerland zu bleiben, war durchaus kurz da. Schließlich fühlte er sich hier wohl. Er war Mitglied im Segelflieger-Verein und war gut in die Gemeinschaft integriert. Doch auch der Wunsch zu studieren und einmal aus dem Sauerland rauszukommen, wuchs in ihm. Nach Schule und Wehrdienst zog es ihn schließlich nicht in die für Sauerländer Studierende üblichen Unistädte Paderborn, Münster oder Dortmund, sondern in den wilden Osten nach Thüringen. Genauer nach Weimar. Eine schöne Stadt mit viel Kultur und Geschichte. Nur der Hennesee um die Ecke, der fehlte ihm schon. Doch dann lernte er Carly kennen. Sie war gerade einmal zwei Tage in Weimar und damals wussten sie sicher noch nicht, dass sie einmal gemeinsam im Sauerland leben würden.

Carly wuchs in einem Vorort von Minneapolis, einer großen Stadt in Minnesota in den USA auf. Sie ist freischaffende Künstlerin und kam für ihren Master nach Deutschland. Erst Bonn, dann Weimar. Und von hier an gingen sie und Sven gemeinsame Wege. Ein kleiner Abstecher in die USA, nach Hannover und schließlich nach Süddeutschland: erst nach Landshut, wo das erste und später nach Nürnberg, wo das zweite Kind zur Welt kam. Und dort fiel auch die Entscheidung, aufs Land zu ziehen. Durch die Pandemie wurde diese Entscheidung noch einmal beschleunigt.

Als Architekt fand Sven schnell Arbeit im Sauerland und so packten sie die Möglichkeit beim Schopf und zogen um. Trotzdem war es kein aus der Not geborener Entschluss, sondern ein ganz bewusster. Sven und Carly wussten, dass jetzt der richtige Zeitpunkt war, mit den Kindern in ein gefestigtes Umfeld zurückzukehren. Denn der Älteste wurde eingeschult und auch Svens Eltern lebten noch im Sauerland.

Carly kannte sowohl Land- als auch Stadtleben. Sie hatte schon an so vielen Orten gelebt und dachte, dass sie inzwischen alles kennen würde. Aber im Sauerland wurde sie dann doch wieder überrascht. Eine neue Denk- und Lebensweise, an die man sich erstmal gewöhnen muss – aber das hatte sie ja schon oft getan. Ihr war es wichtig, nun an einem Ort zu leben, an dem zumindest einer aus der Familie seine Wurzeln hatte. Zwar stand die Überlegung im Raum, in die USA zu ihren Eltern zu ziehen. Aber mit Donald Trump als Präsident und einigen anderen Unsicherheiten, fiel dann doch recht schnell die Entscheidung auf Deutschland und das Sauerland.

Sven und Carly sind nicht die einzigen, die denken, dass das Sauerland ein guter Ort ist, um ihre Kinder großzuziehen. Das bekommen sie auch immer wieder von anderen Eltern zu hören. Es ist ihnen wichtig, dass die Kinder einen Ort haben, an dem sie sich wohlfühlen und an dem sie Wurzeln schlagen können. Und dazu gehört für die beiden auch, eine größere Familie um sich zu haben. In Nürnberg hatten sie vermisst, dass eben niemand greifbar war. Dass sie keine Möglichkeiten hatten, gemeinsame Erlebnisse mit anderen Familienmitgliedern zu schaffen, sowohl für sich, als auch für ihre Kinder.

Tatsächlich musste sich aber nicht nur Carly wieder an die neue Umgebung gewöhnen, auch für Sven ist es nach zwei Jahrzehnten, in denen er im Sauerland nur ab und an Gast war, eine Umstellung. Vieles hat sich verändert. Durch die Corona-Pandemie war es natürlich noch einmal ein wenig schwieriger, neue Kontakte zu knüpfen. Der Spielplatz, der in der Stadt ein wichtiger Begegnungspunkt war, fiel auf dem Land weg. Hier haben die meisten ihren eigenen Spielplatz im Garten. Und so gehörte ein wenig mehr Arbeit dazu, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Aber so ein Neuanfang bietet eben auch Chancen. Gerade im kulturellen Bereich gibt es noch so viele Möglichkeiten und die Menschen freuen sich, über jedes neue Angebot. Das ist etwas, was man auf dem Land nicht unbedingt erwartet, aber besonders Carly merkt in ihrer künstlerischen Tätigkeit, dass im Sauerland doch eine große Offenheit gegenüber neuen Impulsen herrscht, dass vor allem die jüngeren Menschen Lust haben, Neues auszuprobieren und die Region zu gestalten. – Eine Chance für Sven und Carly und auch für andere Familie ihre Wurzeln im Sauerland zu schlagen und die Zukunft ihrer Kinder an diesem Ort mitzugestalten.

Über SOnja Nürnberger

Bild von Huan Yu

Geboren 1990 im Marienhospital in Arnsberg, aufgewachsen zwischen Ruhr, Spielplatz und Pius-Kirche, Kindergarten eine Straße von zu Hause entfernt, zur Grundschule einmal den Berg runter, zum Gymnasium den nächsten Berg wieder rauf. Kleinstadt-Feeling pur. Aber auch das echte Sauerländer Landleben kam nicht zu kurz: Berlar, ein idyllisches Dorf mit mehr Kühen und Pferden (letztere der Grund, wieso es mich dort hinzog) als Einwohnern wurde später – nach einer kurzen Sauerland-Auszeit – während und nach meinem Studium für einige Jahre mein Zuhause. Doch dann rief vor etwa zwei Jahren das komplette Kontrastprogramm: Köln.

Auf diesem Blog mache ich mir Gedanken darüber, wieso ich inzwischen auf dem Dach über meiner Wohnung im 5. Stock mit Blick auf den Dom (über dessen Schönheit man sich streiten kann) statt im Garten mit der sauerländischen Natur um mich herum meine Texte schreibe. Was müsste sich verändern, damit das Land wieder attraktiver für mich – und so viele andere – wird, was das Arbeiten, aber auch das Leben angeht? Vielleicht lassen sich aus der Ferne Probleme ein wenig objektiver betrachten und vielleicht entdecke ich Vorteile, die ich bisher nie wahrgenommen habe.

Ihr wollt mehr über Sonja Nürnberger erfahren, dann schaut doch mal auf ihrer Website vorbei.

Carly & Sven​

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